Womit beginnt ein guter Arbeitstag?
„Falsche Frage! Als Anwalt gibt es die Unterteilung in Arbeitstage und freie Tage nicht! Es ist wie bei Ärzten, Pfarrern und manch anderen Berufsgruppen. Anwalt ist man rund um die Uhr.“
Warum wollten Sie Anwalt werden?
„Es ist wirklich so, dass ich den NC (für Biologie) nicht geschafft habe, kein Blut sehen kann und in Mathematik eine Niete war. Die Ausbildung zum Juristen hat sich regelrecht aufgedrängt. Später dann -während der Ausbildung- gab es nur noch das eine Ziel: Anwalt!“
…warum dann noch Strafverteidiger?
„Die Möglichkeit, sich innerhalb des Anwaltsberufs frei zu entfalten, ist riesig. Als Strafverteidiger zu arbeiten, hat aber ein ganz anderes Niveau. Der Mensch neben einem, im Gerichtssaal, sitzt auf einem der gefährlichsten Plätze der Welt. Wird ihm die Freiheit genommen? Hat er es „verdient“? Habe ich das maximale unternommen, um seine Unschuld zu beweisen? Ertrage ich es, wenn er mir sagt, dass er der Täter war? Kollege Dr. Benno Heussen hat im Anwaltsblatt ein schöne Schilderung gegeben: „ Auch unsere Mandanten werden verstehen, dass Ihre Verteidiger einen gefährlichen Beruf ausüben. Der Geruch der Fälle bleibt in den Kleidern hängen, viele gehen tief unter die Haut und stören die Nächte, manche von uns rauchen nicht nur so viel, sondern greifen zu härteren Mitteln… wenn sie sich darum bemühen, ihren Job richtig zu machen.“ (Anwaltsblatt 10/2010).
Der Geruch ist es!“
…prägt der Job?
„Das müssen andere entscheiden. Alles im Leben prägt wohl. Als Anwalt gehöre ich aber einer privilegierten Berufsgruppe an: Ich kann aussuchen, wo meine juristischen Neigungen liegen. Ich kann wählen, wenn oder was ich vertrete oder bekämpfe“
…Was gibt es zu bekämpfen?
„Jede Menge, insbesondere bornierte Kollegen, wovon es zu viele gibt.
Leider gibt es immer noch jede Menge Menschen, die meinen, ein schlechtes Abitur rechtfertige den Beginn eines rechtswissenschaftlichen Studiums. Es gibt zu viele Tiefflieger unter den Juristen! Das allgemeine Bildungsniveau lässt zu wünschen übrig. Das war im Übrigen schon so, als ich studierte -es ist kein Kennzeichen der jüngeren Generation.“
…Ein Blick in die Zukunft?
„…bringt nichts! Die Dinge sind, wie sie sind. Wenn jeder ein wenig Kampf ums tägliche Recht leistet, muss uns allen nicht Bange sein.
…Alles wird gut?
„Alles wird gut -immer! Jeder Prozess hat einmal ein Ende! Alle Wunden sind einmal geheilt. Etwas mehr Gelassenheit -auch beim Kampf ums Recht- stünde allen gut zu Gesicht!“
Dieses Interview führte Rechtsanwalt Jochen Kreissl mit Rechtsanwalt Jochen Kreissl. Fortsetzungen sind denkbar unter www.kreissl-morbach.de/blog/